4. November

Arbeiten 4.0

Bei Katrin Ostermeier

Die Erfindung des Internets hat eine Revolution ausgelöst und ein neues Zeitalter eingeläutet: die Ära der Digitalisierung. Mit Pauken und Trompeten hält die Digitalisierung Einzug in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, in Unternehmen sowie in Privathaushalte. Und zwar nicht erst seit gestern, sondern bereits seit den 90er Jahren. Damit einher geht die Arbeitswelt 4.0.

Im Zeitalter der Digitalisierung wird anders gearbeitet als in der Arbeitswelt 3.0. Das ist schlicht und ergreifend Fakt. Unternehmen (und allen voraus die Politik), die sich jetzt auf die Digitalisierung „vorbereiten“, haben ganz klar den Anschluss verpasst. In der Arbeitswelt 3.0 gab es kein Internet und keine Emails. Keine Online Plattformen und kein Internet der Dinge. Damit gab es auch kein Amazon, Google oder Facebook, kein Home Office oder Co-Working Spaces. Beim Thema „Digitalisierung“ und „Arbeiten 4.0“ geht es also nicht um Zukunftsszenarien, sondern um die Realität, in der wir längst angekommen sind.

Arbeiten 4.0 birgt Chancen und Risiken – wie jede Revolution. Unternehmen sind gefragt, sich zu erneuern und gleichzeitig auf den vorhandenen Ressourcen aufzubauen. Es geht darum, den Wandel sinnvoll und ganzheitlich zu gestalten – das funktioniert nur, indem die Mitarbeiter motiviert und eingebunden werden. Starre hierarchische Prozesse haben in der neuen Arbeitswelt nichts verloren – und werden nicht überleben können. Das bedeutet Paradigmenwechsel auf vielen Ebenen:

Die vierte industrielle Revolution

Das Kürzel „4.0“ scheint derzeit genauso ein Hype zu sein wie das Stichwort „Digitalisierung“. Tatsächlich wurde es von der deutschen Bundesregierung geprägt, die – bereits vor einigen Jahren – ein Arbeitspapier zur „Industrie 4.0“ vorgelegt hat. Worum es geht ist eine „vierte industrielle Revolution“.

Von industriellen Revolutionen sprechen wir, wenn eine Innovation (z.B. die Dampfmaschine) einen revolutionären Wandel in der Industrie- und Arbeitswelt herbeiführt. Zum einen geht es um die Art, wie gewirtschaftet bzw. produziert wird. Zum anderen geht es darum, wie die Menschen in dieser Welt arbeiten. 

Es lohnt sich, einen Blick auf die revolutionären industriellen Entwicklungen der Vergangenheit zu werfen und die damit einhergehenden Veränderungen der Arbeitswelten. So können wir verstehen, wo wir heute stehen. Und nur so können wir sinnvoll darauf aufbauen. Denn es muss nicht jede Sau durchs Dorf getrieben werden. Aber es dürfen auch keine Realitäten verleugnet werden.



1. Industrialisierung: Dampfmaschine und Einführung der Lohnarbeit

Zwar gab es auch im Mittelalter vereinzelt Dienstverhältnisse, bei denen Beschäftigte gegen Geldlohn Arbeit verrichteten. Die eigentliche Begründung der Lohnarbeit (wie wir sie heute kennen) fällt jedoch mit der industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts zusammen, die durch eine Vielzahl technischer Errungenschaften, vornehmlich die Erfindung der Dampfmaschine, geprägt war. In Großbritannien wurde die damals wichtige Textilindustrie durch Innovationen wie die Spinnmaschine Spinning Jenny revolutioniert. Dampflokomotiven und die Einführung der Eisenbahnveränderten den Gütertransport maßgeblich, die Bergbauindustrie boomte. Die Gesellschaft wandelte sich von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft. Die heutigen Industriestaaten erlebten eine Bevölkerungsexplosion. Handarbeit wurde mechanisiert, aus den Manufakturen wurden Fabriken. Voraussetzung waren die so genannten Bauernbefreiungen, welche eine freie Wahl des Wohnsitzes mit sich brachten und zur Landflucht bzw. Urbanisierung der Gesellschaft führten. Das Fabriksystem der Industrialisierung veränderte die Beschäftigungsbedingungen massiv und brachte die so genannte soziale Frage mit sich: Große Teile der Bevölkerung, vornehmlich Bauern und Handwerker, verarmten unter den gewandelten ökonomischen Bedingungen. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken waren bis zur Einführung sozialer Gesetzgebung Ende des 19. Jahrhunderts teilweise katastrophal, die Kluft zwischen Kapitaleignern und Lohnabhängigen enorm.

Das Konzept der Lohnarbeit und unser Sozialversicherungssystem stammen aus dieser Zeit – ebenso wie die Trennung von Wohn- und Arbeitsort. Das Konzept „Home Office“ ist viel älter als die meisten vermuten!

2. Massenproduktion und Fließbandarbeit

Anfang des 20. Jahrhunderts begründete Henry Ford (1863 – 1947) die industrielle Massenproduktion. Sie basiert auf dem so genannten „Taylorismus“, benannt nach dem US-Amerikaner Frederick Winslow Taylor (1856 – 1915). Dieser schlug vor, Arbeitsprozesse im Detail zu analysieren und dann jedem Arbeiter einen detaillierten und standardisierten Prozessschritt zuzuweisen (horizontale Spezialisierung). Für jeden Prozessschritt sollte das Personal individuell und optimal entsprechend der (physischen und psychischen) Anforderungen ausgewählt werden. Zudem wurden finanzielle Leistungsanreize eingeführt. Hand- und Kopfarbeit sollten strikt getrennt werden, also die ausführenden Tätigkeiten der Arbeiter von der überwachenden Tätigkeit der Manager unterschieden werden (vertikale Spezialisierung). Henry Ford verknüpfte diese Prinzipien mit dem Fließband und schuf damit die Grundlage für die moderne Massenproduktion. Produktionsgewinne und Effizienzsteigerung waren enorm. Ford gelang es, durch Schichtarbeit die Maschinenlaufzeiten von der individuellen Arbeitszeit zu entkoppeln. Die Arbeitsbedingungen veränderten sich erheblich. Monotone Arbeitsabläufe und hohe physische und psychische Belastungen führten jedoch zu einem hohen Krankenstand.


Die Themen „Stress“, „Depression“ und „Burn Out“ sind keineswegs Produkte des 21. Jahrhunderts, sondern bekannte Phänomene verschiedener Arbeitswelten. Unsere 8-Stunden-Tage, oder 9-to-5 Jobs sowie das Konzept des Managements verdanken wir dieser Ära. Wie zeitgemäß das Konzept ist, Leistung durch Zeit bzw. bloße Anwesenheit am Arbeitsplatz zu berechnen, ist eine große Frage der neuen Arbeitswelt. Die so genannten „Digital Nomads“, die ohne festen Arbeitsort arbeiten, sind ein großartiges Beispiel für neue Konzepte.

3. Automatisierung und Entstehung der Dienstleistungsgesellschaft

Ein großer Nachteil des Ford’schen Produktionssystems bestand vor allem in der mangelnden Flexibilität. Ford brachte dies durch einen Ausspruch auf den Punkt: „Any customer can have a car painted any colour that he wants so long as it is black.“ Das änderte sich mit der dritten industrielle Revolution in den 1970er Jahren: die Automatisierung. Monotone und starre Produktionsabläufe wurden zunehmend von Maschinen übernommen, Fertigungssysteme flexibilisiert. Automatisierung ist aus modernen produzierenden Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Ein wichtiges Ergebnis für die automatisierte Produktion ist die Erreichung und Einhaltung von Qualitätsstandards; die zunehmende Weiterentwicklung im IT-Bereich hat dazu geführt, dass Maschinen die menschliche Arbeitskraft teilweise bei weitem übertreffen. Für den Arbeitnehmer bedeutet die Automatisierung den Wegfall von monotonen Routinetätigkeiten.

Mit der Einführung von PCs wurden nicht nur handwerkliche, sondern vermehrt auch Bürotätigkeiten automatisiert. Ein weiterer Trend, den die dritte industrielle Revolution mit sich brachte, ist die Entwicklung von Industriestaaten hin zu „Wissensgesellschaften“. Das bedeutet, dass sich die Arbeitsplätze vom produzierenden Gewerbe hin zum Dienstleistungssektor verlagern. Man spricht auch vom Ende der „Industriegesellschaft“. Mit der Entstehung der Wissensgesellschaft geht ein gesellschaftlicher Wertewandel einher. Die neuen Wissensarbeiter sind selbstbewusst und anspruchsvoll – und aufgrund des Fachkräftemangels heute schwer gefragt. Unternehmen müssen sich etwas einfallen lassen, wenn sie den Wettbewerb um die besten Köpfe gewinnen wollen. Dieser wird verschärft durch den demographischen Wandel: In Deutschland schrumpft die Gesamtbevölkerung stetig, und damit auch die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter.

4. Digitalisierung und die neuen Wissensarbeiter

Die Welt wird gleichzeitig dynamischer und komplexer. Die Konkurrenz besteht nicht mehr nur aus Unternehmen der gleichen Branche. Durch disruptive Innovationen gelingt es vermeintlichen Underdogs, etablierte Marktführer vom eisernen Thron zu stoßen. Erinnert sei hier an die Erfindung des Smartphones und den schmerzlichen Weckruf des jahrelangen Handy-Weltmarktführers Nokia. Das Silicon Valleyist zu einem Schlagwort für Technologien der Zukunft geworden – und für neue Formen der Zusammenarbeit. Die Weltrangliste umsatzstarker Unternehmen ist heute von Namen geprägt, die vor zwanzig Jahren noch nicht einmal existierten.

Mit digitalen Plattformen können tech-affine Start-Ups ganze Branchen ins Wanken bringen. Bekannte Beispiele sind Amazon und der deutsche Buchhandel, airbnb und die Hotellerie, Uber und die Taxibranche. Diese Liste lässt sich heutzutage weitläufig fortführen.

Natürlich muss man nicht alles gutheißen was auf den Markt kommt – wer sich jedoch heute noch überraschen lässt von derartigen Innovationen ist selbst schuld. Amazon verkauft seit 1995 Bücher online. Der Protest des deutschen Einzelhandels gegen die Übermacht des amerikanischen Konzerns kam also 2017 reichlich spät. Die Branche hat die digitale Bewegung unterschätzt und es schlicht und ergreifend versäumt, die eigenen Geschäftsmodelle rechtzeitig anzupassen. Ein typisches Problem traditioneller Unternehmen, die seit Jahrzehnten erfolgreich auf evolutionären Wandel setzen und deren Prozesse nicht auf Veränderungen ausgerichtet sind.

Was also tun? Unsere Haltung dazu ist ganz klar: den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil in der Arbeitswelt 4.0 sind motivierte (Wissens-)Arbeiter. Globalisierung, demographischer Wandel und der Wertewandel der so genannten Generation Y erfordert ein radikales Umdenken. Unternehmen stehen vor der entscheidenden Herausforderung, ihre Mitarbeiter, Teams, Führungskräfte und Geschäftsmodelle fit zu machen für den Wandel. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, gemeinsam mit Unternehmen die Herausforderungen der neuen Arbeitswelt positiv zu nutzen und sinnvoll zu gestalten. Es geht dabei nicht um vorübergehende Trends, sondern um die nachhaltige Transformation bestehender Strukturen und Prozesse, um Organisationen und Mitarbeiter optimistisch in die Zukunft zu begleiten.


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